Das Kircheninnere und seine Bilder

Der Chor birgt eine Fülle von Wand- und Deckenmalereien aus dem späten Mittelalter, datiert auf das Jahr 1482.

Die Südwand im Chor - Gesamtansicht

Die Südwand und ein großer Teil des Deckengewölbes sind der Leidensgeschichte Christi gewidmet.
Über dem Triumphbogen haben wir die Darstellung des Jüngsten Gerichts, auf der rechten Seite verschlingt der weit geöffnete Höllenschlund die Verdammten und zur Linken treten die Erlösten in den Himmel ein. Im Chorhaupt finden wir die vier abendländischen Kirchenlehrer, denen als Besonderheit die vier Evangelistensymbole zugeordnet sind.

Wir heutigen Menschen haben nur noch wenig Zugang zu den Glaubensgründen unserer Vorfahren, deshalb laufen wir Gefahr, in einem so eindrücklichen Werk in erster Linie nur das Kunst- werk zu sehen. Das würde aber heißen, dass wir den Sinn dieser Werke nicht beachten, denn den Menschen von einst waren diese Bilder nicht Kunst, sondern Zugang zu ihrem Glauben. Welchen Eindruck müssen diese Bilder auf den mittelalterlichen Menschen gemacht haben, wenn sie uns heute noch in Erstaunen versetzen.

Bis in die Zeit der Renaissance hatten die meisten Menschen in ihrem täglichen Leben kaum eine Möglichkeit Bilder zu sehen, außer in den Kirchen. Dort diente das Bild der Unterweisung und der Belehrung des Volkes, denn lesen konnten vor 500 Jahren die allerwenigsten. Den belehrenden Charakter kirchlicher Kunst vertrat fast tausend Jahre zuvor schon Papst Gregor der Große. In einem Brief schreibt er: "Deshalb wendet man in den Kirchen Malerei an, damit die, welche die Buchstaben nicht verstehen, wenigstens auf den Wänden schauend ablesen können, was sie in Büchern nicht zu lesen vermögen".

Die spätmittelalterliche Volksfrömmigkeit war zunehmend von der Wundertätigkeit und der schützenden Wirkung bestimmter Bilder überzeugt. Schließlich wurden nur noch die Bilder selbst und nicht mehr die Tugenden der dargestellten Heiligen verehrt. Solch abergläubisches Tun gründete zwar nicht auf der Bibel, in der alltäglichen Glaubenspraxis wurde es von der Amtskirche aber geduldet. In Württemberg war die Reformation nicht völlig bilderfeindlich. Sie entfernte nur " ärgerliche" Bilder. Da es in der Kirche zum Heiligen Kreuz keine Bilder gibt, die dem evangelischen Glaubensverständnis nicht entsprachen, blieben sie uns erhalten.

Der Passionszyklus an der Südwand

Abendmahl und Fußwaschung

Die gedrückte Stimmung beim Abendmahl wird durch die Enge des dargestellten Raumes verstärkt. Nur die Hälfte der Jünger findet mit Jesus am Tisch Platz, der Rest hat sich in den hinteren Teil des Raumes zurückgezogen. Johannes ist vor der Brust des Herrn eingeschlafen, er ist so dem Herzen Jesu am nächsten. Auf dem Tisch das Passahlamm, dabei Brot und Wein. Jesus hält einem Jünger den Bissen Brot entgegen, das Zeichen, das auf den Verräter weist. Es ist Judas, der Einzige im Bild ohne Heiligenschein. Der Beutel mit dem Judas-Lohn ist auf seinem Rücken gerade noch zu erkennen.

Mit dem Akt der Fußwaschung verpflichtet Jesus seine Jünger einerseits zur Demut untereinander, andererseits ist es ein Zeichen der Sündenvergebung. Sehr deutlich sind die erstaunten Blicke der Jünger zu sehen.

Christus und Pilatus

Nach der Geißelung und der Dornenkrönung wird Jesus erneut dem Volk und den Hohenpriestern vorgeführt. "Ecce Homo" sagt Pilatus, "Seht, welch ein Mensch!" "Crucifi(g)e" steht zweimal auf dem großen Spruchband; "Kreuzige, kreuzige!", schallt es aus der Menge.

Das gesprochene Wort auf Spruchbändern dargestellt gibt es schon im 13. Jahrhundert, aber kunstvoll geschwungene Formen nehmen diese erst im Verlauf des 15. Jahrhunderts an. Matthäus schildert die hier dargestellte Szene der Handwaschung: Pilatus' Frau (Mitte) warnt ihren Mann, sich nicht mit einer Verurteilung dieses Gerechten zu belasten, sie habe seinetwegen in der Nacht einen schlimmen Traum gehabt. "Ich bin unschuldig an seinem Blut", spricht Pilatus und wäscht sich symbolisch die Hände.

Meditationsbild und Kreuzigung

Keiner der vier Evangelisten beschreibt die Szene des Andachts- oder Meditationsbildes. Vor ihm kann der fromme Wallfahrer über sein Leben, sein Schicksal nachdenken. Sein Mitleid soll geweckt werden, er soll mit Jesus mit-leiden. Man hat den Eindruck, alle Aktivitäten zur Vorbereitung der Kreuzigung seien für kurze Zeit unterbrochen.

Jesus sitzt gedankenverloren auf dem Kreuzesstamm.
Die Kreuzigung ist vollzogen, Jesus bereits am Kreuz verschieden. Golgatha, die Richtstätte, versinnbildlicht durch den Schädel und die Gebeine am Kreuzesfuß, hat sich geleert. Nur noch die Mutter Maria und Johannes, der Lieblingsjünger Jesu, halten am Ort des Schreckens aus. Die Düsternis des Augenblicks wird durch den roten Hintergrund verstärkt.

Grablegung

Josef von Arimathia, ein reicher Ratsherr und heimlicher Anhänger Jesu, hatte Pilatus gebeten, den Leichnam Jesu vom Kreuz abnehmen und ihn bestatten zu dürfen.

Auf unserem Bild entspricht die Grablegung Jesu ganz dem Schema in der spätmittelalterlichen Kunst, wo das Grab fast immer ein Steinsarkophag ist und kein Felsengrab wie im Neuen Testament.
Im Zentrum die Mutter Maria, rechts neben ihr Maria Magdalena und als dritte Person mit Heiligenschein Johannes, der Lieblingsjünger. Von den beiden Männern mit Kopfbedeckung ist einer Josef von Arimathia, der andere Nikodemus, der nach dem Johannesevangelium zur Einbalsamierung des Leichnams Myrrhe und Aloe mitgebracht hat.

Höllenfahrt Christi und Auferstehung

Die Höllenfahrt Christi wird von keinem der vier Evangelisten erwähnt, Andeutungen findet man lediglich im 1. Petrusbrief und in dem apokryphen Petrusevangelium. Bekannt ist uns aber die Aussage im christlichen Glaubensbekenntnis: "... hinabgestiegen in das Reich des Todes ...". Vor allen Gerechten wird Adam und Eva durch Jesus Christus die göttliche Gnade zuteil. Unter der aufgesprengten Höllenpforte liegt Satan, der keine Macht mehr hat, der Tod ist überwunden.
"Am dritten Tage wieder auferstanden von den Toten ...", heißt es im Glaubensbekenntnis weiter. Die Hohenpriester verlangten von Pilatus die Bewachung des Grabes, um den Diebstahl des Leichnams zu verhindern. Vom überirdischen Ereignis der Auferstehung Jesu sind die Wachen überwältigt. Jesus entsteigt mit Siegesfahne und Purpurmantel dem Grab.

Die Bilder der Westwand

Westwand im Chor - Gesamtansicht

Die Westwand zeigt das Bild des Jüngsten Gerichts. Oben Christus thronend als Weltenrichter, vom Himmel herab zwei das letzte Gericht ankündigende Posaunenengel, zu Seiten Christi die Mutter Maria und Johannes der Täufer als Fürbitter der armen Seelen, darunter sich öffnende Gräber, denen die Wiedererweckten entsteigen, zu beiden Seiten je sechs Apostel als Beisitzer des letzten Gerichts, links gehen die Erlösten in den Himmel ein und rechts verschlingt der aufgespreizte Höllenrachen die Verdammten.

Christus als Weltenrichter

Jesus sitzt als Weltenrichter, seine Wunden zeigend, auf zwei Regenbogen.

Einer symbolisiert den Bund, den Gott mit Noah geschlossen hat; der andere weist auf den neuen Bund für einen neuen Himmel und eine neue Erde mit Jesus Christus hin.

Das Schwert in seinem Mund symbolisiert den Richterspruch: Zu seiner Linken in der Richtung der Verdammten, ist das Schwert zweiseitig scharf; zu seiner Rechten, in die Richtung auf das ewige Leben, geht das Schwert in eine Lilie über, das Symbol der Gnade. Die Mutter Maria und Johannes der Täufer erscheinen kniend vor dem Weltenrichter als Fürbitter für die Menschheit: Maria in Gebetshaltung und Johannes, im Gewand aus Kamelhaaren, zeigt mit seinen offenen Handflächen, dem Redegestus, seine Fürsprache an.

Sechs Apostel

Der nächste Bild zeigt sechs Apostel, die man aufgrund eines symbolischen Gegenstands identifizieren kann. Diese Attribute stellen zumeist die Marterwerkzeuge dar, mit denen die Apostel, der Legende nach, in der Ausübung ihrer Missionstätigkeit zu Tode gekommen sind. Links mit dem Beil Matthäus, das Kreuz kennzeichnet Philippus, die Hellebarde Judas Taddäus, die Keule Jakobus den Jüngeren, die Lanze Thomas und der Kelch Johannes. Bei einigen der Apostel schauen nackte Füße unter der Kleidung hervor. Nach den Berichten der Evangelisten Matthäus und Lukas hatten die Apostel den Auftrag, zur Verkündigung des Evangeliums barfuß in die Welt zu gehen. Nackte Füße kennzeichnen in der christlichen Kunst besonders heilige Personen.

Westwand - Auferstehung der Toten

Ein Ausschnitt zeigt den jungen Apostel Johannes mit seinem Attribut, dem Kelch. Der Legende nach wollte sich ein heidnischer Priester taufen lassen, falls Johannes einen Becher mit vergiftetem Wein ohne Schaden zu nehmen, leer trinken könne. Johannes segnete den Becher das Gift blieb ohne Wirkung.
Die Auferstehung der Toten stellt jung aussehende Menschen dar, wie sie nackt, alles Irdische Besitz, Krankheit, Alter  hinter sich lassend, ihren geöffneten Gräbern entsteigen. Rechts neben Johannes steht, kenntlich durch die Tonsur, ein Mönch in seinem Grab. Sein Grabesdeckel zeigt neben Kreuz, Kelch und unvollständiger Umschrift auch ein Wappen mit zwei Fischen, die sich an Maul und Schwanz berühren.